💊 Ratgeber Pharmakogenetik — Praxiswissen für Ärztinnen, Ärzte und Apotheken aus dem Genlabor von Novogenia.

Startseite › Ratgeber Pharmakogenetik › Leitlinien

Ratgeber Pharmakogenetik

Leitlinien: CPIC, DPWG und Fachinformationen

Fachlich geprüft von Dr. Daniel Wallerstorfer, Molekularbiologe und Gründer von Novogenia · Stand: 13. Oktober 2026 · Lesezeit: 8 Min.

Kurz gesagt

Leitlinien übersetzen einen Genotyp in eine konkrete Empfehlung. Das internationale Konsortium CPIC führt 29 frei zugängliche Leitlinien für Gen-Wirkstoff-Paare; sie zeigen, wie ein vorhandenes Ergebnis genutzt werden kann, nicht bei wem getestet werden soll. Die niederländische DPWG bewertet zusätzlich, wie wichtig ein Test vor Therapiebeginn ist. Beide stimmen in den meisten Empfehlungen überein. PharmGKB, heute Teil von ClinPGx, wertet Studien und Fachinformationen von FDA, EMA, Swissmedic und weiteren Behörden aus. Fachinformation und Leitlinie gehören zusammen – die Entscheidung trifft die behandelnde Ärztin oder der behandelnde Arzt.

Vom Genotyp zur Verordnung: Leitlinien als Dolmetscher

Lange stand die Pharmakogenetik vor einem merkwürdigen Problem: Das Wissen war da, aber es kam am Rezeptblock nicht an. Ein niederländisches Team beschrieb 2008, dass schon 2001 erste Dosisempfehlungen für Antidepressiva nach dem CYP2D6-Ergebnis erarbeitet worden waren. Im Alltag halfen sie kaum, weil sie dort fehlten, wo entschieden wird – bei der Verordnung und bei der Abgabe in der Apotheke (Swen et al., Clinical Pharmacology & Therapeutics, 2008). In den USA kamen die Initiatoren von CPIC zum selben Schluss: Pharmakogenetische Tests setzen sich auch deshalb langsam durch, weil konkrete Anleitungen fehlen, wie Medikamente nach dem Ergebnis anzupassen sind (Relling & Klein, Clinical Pharmacology & Therapeutics, 2011).

Leitlinien sind deshalb die Dolmetscher der Pharmakogenetik. Sie übersetzen die Sprache des Labors – *2/*4, Aktivitätswert 1,0 – in die Sprache der Verordnung: Standarddosis, angepasste Dosis oder ein anderer Wirkstoff. Heute gibt es mehrere solcher Dolmetscher, und sie sprechen erfreulich oft mit einer Stimme.

CPIC: frei zugängliche Leitlinien für Gen-Wirkstoff-Paare

Das 2009 gestartete internationale Clinical Pharmacogenetics Implementation Consortium (CPIC) ging aus dem Pharmacogenomics Research Network der US-amerikanischen National Institutes of Health und der Wissensdatenbank PharmGKB hervor. Sein Ziel: begutachtete, aktuelle, evidenzbasierte und frei zugängliche Leitlinien für Gen-Wirkstoff-Paare (Relling & Klein, 2011). Im Oktober 2026 führt CPIC 29 Leitlinien; ihre Heimat ist heute die Plattform ClinPGx, in der PharmGKB, CPIC und das Auswertungsprogramm PharmCAT zusammengeführt wurden (CPIC-Leitlinien).

Ein Grundsatz ist wichtig: CPIC-Leitlinien zeigen, wie ein vorhandenes Testergebnis genutzt werden kann, um eine Therapie zu optimieren – sie empfehlen nicht, bei wem getestet werden soll (Lee et al., Clinical Pharmacology & Therapeutics, 2022). So sind die Leitlinien aufgebaut:

CPIC-Leitlinien werden regelmäßig aktualisiert. 2026 erschienen zum Beispiel überarbeitete Fassungen zu Thiopurinen und zu den 5-HT3-Antagonisten gegen Übelkeit (Moore et al., Clinical Pharmacology & Therapeutics, 2026).

DPWG: vom Labor in die Software

In den Niederlanden gründete die Königlich Niederländische Gesellschaft zur Förderung der Pharmazie (KNMP) die Dutch Pharmacogenetics Working Group (DPWG). Nach systematischer Literaturrecherche veröffentlichte sie 2011 Empfehlungen für 53 Wirkstoffe zu Genen wie CYP2D6, CYP2C19, CYP2C9, TPMT, DPD, VKORC1, UGT1A1, HLA-B und CYP3A5 (Swen et al., Clinical Pharmacology & Therapeutics, 2011).

Der Titel ihrer ersten Veröffentlichung ist Programm: „from bench to byte“ – vom Labortisch in die Software. Empfehlungen nützen nur, wenn sie bei der Verordnung und der Abgabe verfügbar sind (Swen et al., 2008).

Anders als CPIC bewertet die DPWG auch, wie wichtig ein Test vor Therapiebeginn ist. Für DPYD und Fluoropyrimidine lautet ihr Urteil „essential“: Vor einer Therapie mit 5-Fluorouracil oder Capecitabin soll DPYD getestet werden (Lunenburg et al., European Journal of Human Genetics, 2020). Die DPWG-Empfehlungen bildeten auch die Grundlage der europäischen PREPARE-Studie, die Präventiv oder anlassbezogen testen? vorstellt.

CPIC, DPWG und weitere: mehr Einigkeit als gedacht

Zwei Gruppen, zwei Methoden – und trotzdem meist dasselbe Ergebnis. Ein gemeinsamer Vergleich beider Konsortien fand eine hohe Übereinstimmung der veröffentlichten Empfehlungen; Unterschiede entstehen vor allem durch unterschiedliche Methoden der Leitlinienentwicklung (Bank et al., Clinical Pharmacology & Therapeutics, 2018). Eine Übersicht aus Utrecht hat vier Gruppen nebeneinandergelegt (Abdullah-Koolmees et al., Frontiers in Pharmacology, 2021):

GruppeHerkunftSchwerpunkt
CPICInternationales Konsortium aus dem US-Netzwerk PGRN und PharmGKBTherapieempfehlungen für viele Wirkstoffe, wenn ein Ergebnis vorliegt
DPWGNiederlande, Apothekerorganisation KNMPTherapieempfehlungen für viele Wirkstoffe, dazu Empfehlungen zur Testung
CPNDSKanadisches Netzwerk für Arzneimittelsicherheitauch Empfehlungen zur Testung
RNPGxFranzösisches Netzwerk für PharmakogenetikEmpfehlungen zur Testung, teils für konkrete klinische Situationen

Die Gruppen arbeiten aktiv an einer Angleichung. So wurde der frühere Begriff „extensive metabolizer“ zum „normal metabolizer“, und ein CYP2D6-Genotyp mit einer nicht funktionierenden Kopie (Aktivitätswert 1,0) gilt heute als intermediärer Metabolisierer. Die höchste Stufe der Testempfehlung erhalten in dieser Übersicht Abacavir (HLA), Clopidogrel (CYP2C19), Fluoropyrimidine (DPYD), Thiopurine (TPMT), Irinotecan (UGT1A1), Codein (CYP2D6) und Cisplatin (TPMT). Das Fazit der Autorinnen und Autoren: Es gibt viele evidenzbasierte Leitlinien mit klaren Empfehlungen – und der Blick auf alle zusammen bringt einen Mehrwert.

PharmGKB und ClinPGx: das Nachschlagewerk

PharmGKB sammelt das Wissen zu Genen und Arzneimitteln und ist heute Teil von ClinPGx (PharmGKB). Zwei Bereiche sind für die Praxis besonders nützlich:

Fachinformationen: was die Zulassung sagt

In der EU genehmigt die Behörde bei der Zulassung eines Arzneimittels die Zusammenfassung der Merkmale des Arzneimittels – die Fachinformation für Fachkreise (Art. 21 Abs. 1 Richtlinie 2001/83/EG). Eine Auswertung der EMA zu allen 517 zentral zugelassenen Arzneimitteln zeigte: Pharmakogenetische Angaben stehen je nach Präparat in unterschiedlichen Abschnitten, und ihre Zahl wächst stetig (Ehmann et al., Pharmacogenomics Journal, 2015). Drei Beispiele aus europäischen Bewertungsberichten (EPAR), wie sie PharmGKB zusammenfasst:

Schweiz: Die EU-Richtlinie gilt dort nicht; die Schweiz hat eigene Fachinformationen, die PharmGKB gesondert auswertet. Für Codein nennt die Schweizer Fachinformation laut dieser Auswertung ultraschnelle CYP2D6-Metabolisierer als Gegenanzeige. USA: Die FDA führt eine Tabelle pharmakogenomischer Biomarker in Fachinformationen – die Angaben stehen dort etwa in Warnhinweisen, Dosierung oder klinischer Pharmakologie. Daneben gibt es eine Tabelle pharmakogenetischer Assoziationen in drei Abschnitten: von Assoziationen mit Therapieempfehlung bis zu solchen, die nur die Pharmakokinetik betreffen.

Wenn Leitlinie und Fachinformation verschieden klingen

Fachinformation und Leitlinie haben unterschiedliche Aufgaben. Die Fachinformation beschreibt das einzelne Präparat in seinem zugelassenen Rahmen. Leitlinien werten die gesamte Studienlage aus und übersetzen sie in Handlungsempfehlungen. Darum können sie unterschiedlich weit gehen: Bei Clopidogrel beschreibt der europäische Bewertungsbericht den schwächeren Effekt bei langsamen Metabolisierern; die CPIC-Leitlinie empfiehlt bei akutem Koronarsyndrom und PCI konkret eine Alternative.

Daraus lässt sich ableiten: Beide Quellen gehören zusammen. Die Fachinformation zeigt den zugelassenen Rahmen, die Leitlinie die ausgewertete Evidenz. Abwägen und entscheiden tut die behandelnde Ärztin oder der behandelnde Arzt – mit dem klinischen Bild im Blick.

So nutzt du Leitlinien im Alltag

Wie die Leitlinien in den Praxisalltag passen, zeigt Pharmakogenetik in der Arztpraxis; wie du ein Ergebnis Schritt für Schritt liest, Befunde verstehen und kommunizieren.

Häufige Fragen

Was ist der Unterschied zwischen CPIC und DPWG?
Beide übersetzen Genotypen in Therapieempfehlungen und stimmen meist überein. CPIC entstand aus dem US-Netzwerk PGRN und der Datenbank PharmGKB und erklärt, wie ein vorhandenes Ergebnis genutzt werden kann. Die DPWG wurde von der niederländischen Apothekerorganisation KNMP gegründet und bewertet zusätzlich, ob vor einer Therapie getestet werden sollte.
Was bedeuten die CPIC-Level A bis D?
Sie beschreiben, ob genetische Information die Verordnung eines Wirkstoffs ändern sollte (A), könnte (B) oder ob derzeit keine Änderung empfohlen wird (C und D). Verordnungsempfehlungen gibt es nur für Paare der Level A und B. Davon getrennt trägt jede einzelne Empfehlung eine Stärke: stark, mittel oder optional.
Sagen die Leitlinien, wer getestet werden soll?
CPIC bewusst nicht: Seine Leitlinien zeigen, wie ein vorhandenes Ergebnis genutzt werden kann. DPWG, das kanadische CPNDS und das französische RNPGx geben dagegen auch Empfehlungen zur Testung; RNPGx beschreibt sogar konkrete klinische Situationen.
Wo stehen pharmakogenetische Angaben in der Fachinformation?
Das hängt vom Präparat ab: bei den Gegenanzeigen, bei Dosierung, bei Warnhinweisen oder bei der Pharmakokinetik. Eine Auswertung der EMA zu allen 517 zentral zugelassenen Arzneimitteln hat die Angaben nach genau diesen Abschnitten geordnet. Schneller geht es über die Fachinformations-Annotationen bei PharmGKB.
Was tun, wenn Fachinformation und Leitlinie verschieden klingen?
Beide nebeneinanderlegen: Die Fachinformation zeigt den zugelassenen Rahmen des Präparats, die Leitlinie die ausgewertete Studienlage. Die behandelnde Ärztin oder der behandelnde Arzt wägt beides mit dem klinischen Bild ab und dokumentiert die Entscheidung.

Passend dazu: Die wichtigsten Gene: CYP2D6, CYP2C19 und Co. · Befunde verstehen und kommunizieren · Pharmakogenetik in der Arztpraxis

Pharmakogenetik in deiner Praxis oder Apotheke?

Erzähl uns von deinem Setting – wir zeigen dir, wie das Angebot bei dir funktionieren kann.

Projekt anfragen →Angebot für Ärzte