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Ratgeber Pharmakogenetik

Präventiv oder anlassbezogen testen? Zwei Strategien für die Pharmakogenetik

Fachlich geprüft von Dr. Daniel Wallerstorfer, Molekularbiologe und Gründer von Novogenia · Stand: 13. Oktober 2026 · Lesezeit: 8 Min.

Kurz gesagt

Anlassbezogen heißt: Getestet wird, wenn ein bestimmtes Medikament ansteht oder Probleme auftreten. Präventiv heißt: Ein Panel vieler Gene wird einmal bestimmt und bei späteren Verordnungen wieder genutzt – denn die Gene ändern sich im Lauf des Lebens nicht. Die europäische PREPARE-Studie mit 6.944 Menschen zeigte: Mit einem 12-Gen-Panel traten klinisch relevante Nebenwirkungen seltener auf (21,0 % gegenüber 27,7 % bei Menschen mit relevantem Ergebnis). Welche Strategie passt, hängt von Medikation, Alter und Fragestellung ab. Über die Therapie entscheidet die behandelnde Ärztin oder der behandelnde Arzt.

6.944 Menschen, zwölf Gene, ein klares Signal

Was passiert, wenn Ärztinnen, Ärzte und Apotheken schon bei der ersten Verordnung wissen, wie der Körper eines Menschen mit vielen Medikamenten umgeht? Die europäische PREPARE-Studie hat es ausprobiert – in 18 Kliniken, neun Gesundheitszentren und 28 öffentlichen Apotheken in sieben Ländern: Österreich, Griechenland, Italien, den Niederlanden, Slowenien, Spanien und Großbritannien.

Teilgenommen haben 6.944 Erwachsene, die erstmals ein Medikament verordnet bekamen, für das die niederländische DPWG eine Gen-Empfehlung gibt. 3.342 von ihnen erhielten eine genbasierte Behandlung: Das Labor bestimmte gleich ein ganzes Panel mit 50 Varianten in zwölf Genen. Zeigte das Ergebnis eine relevante Kombination aus Gen und Medikament, folgte die Behandlung den DPWG-Empfehlungen. 3.602 Menschen wurden wie üblich behandelt. Damit der Vergleich fair blieb, wechselten die teilnehmenden Einrichtungen nach einem festen Plan zwischen beiden Vorgehensweisen. Und damit die Teams vor Ort mit den Ergebnissen arbeiten konnten, wurden sie zu Beginn geschult und erhielten Online-Lernmaterial.

Das Ergebnis nach zwölf Wochen: Bei Menschen mit einem relevanten Ergebnis für ihr Medikament trat eine klinisch relevante Nebenwirkung in der Panel-Gruppe bei 21,0 % auf, in der Kontrollgruppe bei 27,7 %. Über alle Teilnehmenden hinweg waren es 21,5 % gegenüber 28,6 %. In beiden Fällen lag die Chance auf eine solche Nebenwirkung um 30 % niedriger (Odds Ratio 0,70). Und das Vorgehen ließ sich in sehr unterschiedlichen europäischen Gesundheitssystemen umsetzen (Swen et al., Lancet, 2023).

Daraus lässt sich ableiten: Ein Panel funktioniert wie eine bekannte Blutgruppe. Einmal bestimmt, liegt die Information bereit, wann immer sie gebraucht wird – bei der nächsten Verordnung, in der Apotheke, im Krankenhaus. Trotzdem passt nicht jede Situation zu einem Panel. Hier liest du, wie sich die beiden Strategien unterscheiden und wann welche sinnvoll ist.

Zwei Strategien im Vergleich

Anlassbezogen (reaktiv) und präventiv (vorausschauend) sind keine Gegensätze, sondern zwei Werkzeuge für unterschiedliche Situationen:

MerkmalAnlassbezogenPräventiv (Panel)
Zeitpunktwenn ein bestimmtes Medikament ansteht oder Probleme auftretenbevor Medikamente anstehen oder bei der ersten relevanten Verordnung
Umfangein Gen oder wenige Gene zur konkreten Frageviele Gene auf einmal
ZeitdruckDas Ergebnis muss vor dem Therapiestart da sein.Das Ergebnis liegt schon bereit.
Nutzen über die Zeitbeantwortet die aktuelle Fragebeantwortet auch spätere Fragen
Typisches BeispielDPYD vor einer Chemotherapie mit FluoropyrimidinenPolymedikation, absehbare Langzeittherapien
Worauf achtenProbenversand und Laborzeit einplanenso dokumentieren, dass das Ergebnis wiedergefunden wird

Anlassbezogen: der gezielte Blick vor einer Therapie

Der anlassbezogene Test ist der Klassiker. Eine klare Frage, ein klares Gen: Vor einer Chemotherapie mit Fluoropyrimidinen zeigt DPYD, ob die Startdosis angepasst werden sollte. Vor Clopidogrel nach akutem Koronarsyndrom oder PCI zeigt CYP2C19, ob der Körper das Prodrug ausreichend aktiviert. Die Studien dazu stellt Pharmakogenetik in der Arztpraxis vor.

Ein zweiter Anlass sind Überraschungen: Ein Medikament wirkt bei normaler Dosis nicht, oder es löst schon bei niedriger Dosis starke Nebenwirkungen aus. Dann kann ein Test helfen, die Ursache besser zu verstehen – neben allen anderen Erklärungen, die die Ärztin prüft.

Zwei Punkte gehören zur Planung:

Präventiv: einmal testen, immer wieder nachschlagen

Der präventive Ansatz denkt weiter. Wie oft Menschen Medikamente erhalten, für die es pharmakogenetische Leitlinien gibt, zeigt eine Auswertung von mehr als 73 Millionen Datensätzen aus den USA: In der Gruppe ab 65 Jahren mit Medicare-Zusatzversicherung und in der Medicaid-Gruppe von 40 bis 64 Jahren bekam innerhalb von vier Jahren etwa die Hälfte mindestens ein solches Medikament, ein Viertel bis ein Drittel sogar zwei oder mehr (Samwald et al., PLoS One, 2016).

Dazu kommt: Relevante Genvarianten sind häufig. In einer niederländischen Apothekenstudie trugen 90 % der 200 Getesteten mindestens ein Ergebnis mit Handlungsempfehlung – bei einem Panel aus nur 8 Genen (Bank et al., European Journal of Human Genetics, 2019). Wie gut ein einmal bestimmtes Panel im Alltag wieder zum Einsatz kommt, zeigt die Nachbeobachtung derselben Studie. Nach durchschnittlich 2,5 Jahren konnten 97 % der 200 Patientinnen und Patienten ihr Panel-Ergebnis für mindestens eine neue Verordnung mit möglichem Gen-Bezug nutzen, 33 % sogar für bis zu vier. Bei 24,2 % dieser neuen Verordnungen zeigte das Ergebnis, dass die Therapie angepasst werden sollte (van der Wouden et al., Genes, 2019).

Für die Praxis heißt das: Die Gene ändern sich im Lauf des Lebens nicht. Ein Panel beantwortet deshalb nicht nur die Frage von heute, sondern auch viele Fragen von morgen – ohne neue Probe und ohne Wartezeit. Und PREPARE hat gezeigt, dass sich genau dieses Vorgehen in Kliniken, Gesundheitszentren und Apotheken quer durch Europa umsetzen lässt.

Welche Strategie passt? Eine Entscheidungshilfe

Aus den Studien lassen sich praktische Faustregeln ableiten – logische Schlussfolgerungen, keine starren Vorgaben:

Die Entscheidung triffst du gemeinsam mit deiner Patientin. Wer einen Test veranlassen darf, unterscheidet sich je nach Land – in der Schweiz unter Voraussetzungen auch Apothekerinnen und Apotheker. Die Kurzfassung steht in Pharmakogenetik in der Apotheke, die Einzelheiten in Recht: Wer darf Pharmakogenetik anbieten?

Was ein Panel nicht ersetzt

So nützlich ein Panel ist: Es ist ein Werkzeug für die ärztliche Entscheidung, nicht ihr Ersatz. Drei Dinge bleiben auch mit dem besten Ergebnis wichtig:

Damit sich ein Panel auszahlt: dokumentieren

Ein Panel ist nur so wertvoll, wie es auffindbar ist. Ein Ergebnis, das in einem Ordner verschwindet, hilft bei der nächsten Verordnung niemandem. Diese Schritte sorgen dafür, dass es da ist, wenn es gebraucht wird:

Checkliste: die passende Strategie wählen

Häufige Fragen

Was ist der Unterschied zwischen präventiver und anlassbezogener Pharmakogenetik?
Anlassbezogen wird getestet, wenn eine konkrete Frage ansteht: ein bestimmtes Medikament, eine unerwartete Nebenwirkung oder eine ausbleibende Wirkung. Meist geht es um ein Gen oder wenige. Präventiv wird ein Panel vieler Gene bestimmt, bevor die Fragen auftauchen. Das Ergebnis liegt dann bei späteren Verordnungen schon bereit.
Was hat die PREPARE-Studie gezeigt?
In der europäischen PREPARE-Studie wurden 6.944 Menschen bei der ersten Verordnung eines Medikaments mit DPWG-Empfehlung entweder mit einem 12-Gen-Panel oder wie üblich behandelt. Bei Menschen mit relevantem Ergebnis traten klinisch relevante Nebenwirkungen in der Panel-Gruppe bei 21,0 % auf, in der Kontrollgruppe bei 27,7 %; die Odds Ratio lag bei 0,70 (Swen et al., Lancet, 2023).
Lohnt sich ein Panel auch für Menschen, die heute keine Medikamente nehmen?
Das ist eine Abwägung im Einzelfall. Die Gene ändern sich nicht, deshalb kann ein Panel auch Jahre später noch Fragen beantworten. Daten aus den USA zeigen, dass vor allem ältere Menschen häufig Medikamente erhalten, für die es pharmakogenetische Leitlinien gibt. Ob ein Test sinnvoll ist, entscheidest du gemeinsam mit deiner Patientin.
Muss ein Panel nach einigen Jahren wiederholt werden?
Für die untersuchten Varianten in der Regel nicht, denn die Gene bleiben gleich. Was sich ändert, sind die Leitlinien: Derselbe Genotyp lässt sich bei einer neuen Verordnung nach dem aktuellen Stand einordnen. Ein neuer Test kann sinnvoll sein, wenn wichtige Gene oder Varianten damals nicht untersucht wurden.
Wie stelle ich sicher, dass ein Panel-Ergebnis später berücksichtigt wird?
Trag Gen, Genotyp und Phänotyp als dauerhaften Eintrag in die Akte ein, gib deiner Patientin eine kurze Zusammenfassung mit und teile das Ergebnis mit ihrer Einwilligung mit der Apotheke. In Deutschland klärst du schon bei der Einwilligung, ob und inwieweit das Ergebnis mitgeteilt oder vernichtet werden soll (§ 8 Abs. 1 GenDG).

Passend dazu: Pharmakogenetik in der Arztpraxis · Befunde verstehen und kommunizieren · Pharmakogenetik anbieten: der Ablauf

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