💊 Ratgeber Pharmakogenetik — Praxiswissen für Ärztinnen, Ärzte und Apotheken aus dem Genlabor von Novogenia.

Startseite › Ratgeber Pharmakogenetik › Recht

Ratgeber Pharmakogenetik

Recht: Wer darf Pharmakogenetik anbieten? Deutschland, Österreich und die Schweiz im Vergleich

Fachlich geprüft von Dr. Daniel Wallerstorfer, Molekularbiologe und Gründer von Novogenia · Stand: 13. Oktober 2026 · Lesezeit: 11 Min.

Kurz gesagt

In Deutschland ist Pharmakogenetik eine diagnostische genetische Untersuchung (§ 3 Nr. 7 Buchst. c GenDG): Nur Ärztinnen und Ärzte nehmen sie vor, mit Aufklärung und schriftlicher Einwilligung. In Österreich schreibt das Gentechnikgesetz für reine pharmakogenetische Analysen keine fachärztliche Veranlassung vor; laut Gentechnikbuch sind sie keine prädiktiven Analysen nach § 65 Abs. 1 Z 3 und 4 GTG. Die Schweiz ordnet Pharmakogenetik dem medizinischen Bereich zu, erlaubt die Veranlassung aber neben Ärztinnen und Ärzten auch Apothekerinnen und Apothekern sowie – in ihrem Fachbereich – Zahnärzten und Chiropraktoren, jeweils unter Bedingungen (Art. 5–8 GUMV). Über Medikamente entscheidet in allen drei Ländern die behandelnde Ärztin oder der behandelnde Arzt.

Wenn das Medikament der Auslöser ist: Warum Pharmakogenetik das Recht herausfordert

Am 4. Dezember 2009 hat die österreichische Gentechnikkommission einen bemerkenswerten Gedanken festgehalten: Bei der Pharmakogenetik ist nicht das Gen der Krankheitsauslöser, sondern das Medikament. Eine Genvariante, die ein Enzym bremst, macht allein niemanden krank – erst ein bestimmter Wirkstoff in unpassender Dosis kann Probleme auslösen. Die Kommission nennt als Beispiel einen Herzinfarkt bei Clopidogrel-Resistenz, weil der Körper die Vorstufe Clopidogrel nicht ausreichend aktiviert (Gentechnikbuch, 5. Kapitel).

Ist Pharmakogenetik also Diagnostik oder etwas Eigenes? An dieser Frage scheiden sich die Gesetze. Stell dir eine Tür mit Schloss vor. In Deutschland hat nur die Ärztin oder der Arzt den Schlüssel. In der Schweiz hängt ein Schlüsselbund am Haken: für Ärztinnen und Ärzte, Apothekerinnen und Apotheker, Zahnärzte und Chiropraktoren, jeweils mit Bedingungen. In Österreich schließt das Gentechnikgesetz die Tür für reine Pharmakogenetik gar nicht ab. Eines bleibt in allen drei Ländern gleich: Über die Medikation entscheidet die behandelnde Ärztin oder der behandelnde Arzt. Dieser Beitrag gibt dir Orientierung, ersetzt aber keine Rechtsberatung im Einzelfall.

Deutschland: Pharmakogenetik ist Diagnostik – mit Arztvorbehalt

Das Gendiagnostikgesetz (GenDG) lässt keinen Zweifel. Eine diagnostische genetische Untersuchung ist nach § 3 Nr. 7 Buchstabe c GenDG auch eine Untersuchung mit dem Ziel abzuklären, ob genetische Eigenschaften vorliegen, „die die Wirkung eines Arzneimittels beeinflussen können“. Pharmakogenetik steht damit wörtlich im Gesetz – als Diagnostik. Daraus folgen klare Pflichten:

Für Apotheken heißt das: Eine pharmakogenetische Untersuchung in eigener Verantwortung ist in Deutschland nicht möglich. Apothekerinnen und Apotheker können aber mit der verantwortlichen Ärztin oder dem verantwortlichen Arzt zusammenarbeiten. Mehr dazu in Pharmakogenetik in der Apotheke und Pharmakogenetik in der Arztpraxis.

Österreich: Reine Pharmakogenetik passt in keine der vier Schubladen

Das österreichische Gentechnikgesetz (GTG) sortiert genetische Analysen am Menschen zu medizinischen Zwecken in vier Typen (§ 65 Abs. 1 GTG). Die strengen Pflichten hängen am Typ:

TypWozu er dient (§ 65 Abs. 1)Was zusätzlich gilt
Typ 1Bestehende Erkrankung feststellen, Therapie vorbereiten oder Therapieverlauf kontrollieren – auf Basis somatischer, also erworbener Veränderungenkeine Pflichten nach §§ 68 und 69
Typ 2Bestehende Erkrankung feststellen, die auf einer Keimbahnmutation beruhtfachärztliche Aufklärung und Beratung, schriftlich bestätigte Einwilligung (§ 69)
Typ 3Veranlagung für eine Krankheit oder Überträgerstatus feststellen, wenn Prophylaxe oder Therapie möglich istnur in zugelassenen Einrichtungen und auf fachärztliche Veranlassung (§ 68 Abs. 1), dazu § 69
Typ 4wie Typ 3, aber ohne mögliche Prophylaxe oder Therapiewie Typ 3

Reine Pharmakogenetik passt in keine dieser Schubladen: Sie untersucht ererbte Gene statt erworbener Veränderungen und stellt weder eine Erkrankung noch eine Krankheitsveranlagung fest. So sieht es auch die Gentechnikkommission im Gentechnikbuch (5. Kapitel): Pharmakogenetische Untersuchungen sind generell nicht als prädiktive Analysen im Sinne von § 65 Abs. 1 Z 3 und 4 GTG anzusehen. Von Medikamenten ausgelöste Nebenwirkungen sind danach keine Erkrankungen im Sinne des GTG.

Praktisch heißt das: Für reine Pharmakogenetik schreibt das GTG weder die fachärztliche Veranlassung (§ 68 Abs. 1) noch die fachärztliche Aufklärung mit schriftlicher Bestätigung nach § 69 vor. Als Grundsatz für genetische Analysen zu medizinischen Zwecken nennt § 65 Abs. 1 den Stand von Wissenschaft und Technik.

Achtung bei Genen mit Doppelrolle: Erlaubt ein untersuchtes Merkmal zugleich Aussagen über die Veranlagung für eine künftig ausbrechende, genetisch bedingte Erkrankung, unterliegt seine Untersuchung den Regeln für prädiktive Analysen – so der Hinweis im Gentechnikbuch. Ein 2024 im Auftrag des Gesundheitsministeriums erstelltes Expertengutachten („Neue Entwicklungen bei der Anwendung genetischer Analysen“) nennt Beispiele: Eine pharmakogenetische Analyse des G6PD-Gens ist zugleich eine Analyse auf den erblichen G6PD-Mangel. Und eine pharmakogenetisch relevante Funktionsverlust-Variante im DPYD-Gen bedeutet zugleich eine Anlageträgerschaft für einen erblichen Dihydropyrimidin-Dehydrogenase-Mangel. Für ein Panel heißt das: Jedes Gen einzeln prüfen.

Was sich ändern könnte: Dasselbe Gutachten hält fest, dass rein pharmakogenetische Testungen im GTG nicht adäquat abgebildet sind. Es schlägt vor, sie wie Typ 1 zu behandeln – ohne spezifische Aufklärung und schriftliche Dokumentation der Einwilligung – und sie von allen Ärztinnen und Ärzten veranlassen zu lassen, die diese Informationen für die Therapie brauchen. Beschlossen ist das nicht: In der geltenden Fassung sind die §§ 65, 68 und 69 GTG unverändert.

Und die Medikation? Die Verordnung von Heilmitteln gehört in Österreich zur ärztlichen Berufsausübung (§ 2 Abs. 2 Z 7 Ärztegesetz 1998), deren selbstständige Ausübung Ärztinnen und Ärzten vorbehalten ist (§ 3 Abs. 1). Wer ohne ärztliche Berufsberechtigung eine pharmakogenetische Analyse anbietet, empfiehlt deshalb kein Absetzen, Wechseln oder Umdosieren, sondern verweist an die behandelnde Ärztin oder den behandelnden Arzt.

Schweiz: medizinisch – aber mit einem ganzen Schlüsselbund

Die Schweiz regelt genetische Untersuchungen im Bundesgesetz über genetische Untersuchungen beim Menschen (GUMG) und in der Verordnung über genetische Untersuchungen beim Menschen (GUMV). Pharmakogenetik gehört klar in den medizinischen Bereich: Art. 19 GUMG zählt dazu ausdrücklich Untersuchungen „zur Abklärung der Wirkungen einer möglichen Therapie“. Die GUMV definiert pharmakogenetische Untersuchungen als genetische Untersuchungen von Eigenschaften, welche die Arzneimittelwirkung beeinflussen (Art. 2 Bst. a).

Grundsätzlich veranlassen Ärztinnen und Ärzte mit passendem Weiterbildungstitel oder besonderer Qualifikation in Humangenetik (Art. 20 Abs. 1 GUMG). Für Untersuchungen ohne besondere Anforderungen darf der Bundesrat den Kreis erweitern (Art. 20 Abs. 3) – für die Pharmakogenetik hat er das getan:

Wer veranlassen darfWas die GUMV erlaubtBesonderheiten
Ärztinnen und Ärzte, auch ohne Weiterbildungstitel im Fachgebietpharmakogenetische Untersuchungen (Art. 5 Abs. 1 Bst. a)Bedingungen nach Art. 5 Abs. 2
Zahnärztinnen und Zahnärztepharmakogenetische Untersuchungen im zahnmedizinischen Bereich (Art. 6)Ergebnis teilt die Zahnärztin oder der Zahnarzt mit
Apothekerinnen und Apothekerpharmakogenetische Untersuchungen (Art. 7)vorherige Rücksprache mit der verschreibenden Fachperson bei verschreibungspflichtigen Arzneimitteln; abgetrennter Beratungsbereich
Chiropraktorinnen und Chiropraktorenpharmakogenetische Untersuchungen im Bereich der Chiropraktik (Art. 8)Ergebnis teilt die Chiropraktorin oder der Chiropraktor mit

Alle müssen zur Berufsausübung in eigener fachlicher Verantwortung befugt sein, und für alle gelten drei Bedingungen (Art. 5 Abs. 2 GUMV): Untersucht wird eine bestimmte Auswahl an genetischen Varianten, es sind Ergebnisse mit bekannter klinischer Bedeutung zu erwarten, und nach aktuellem Stand von Wissenschaft und Praxis stehen präventive oder therapeutische Maßnahmen zur Verfügung.

Dazu kommen die allgemeinen Regeln: freie und ausdrückliche Zustimmung nach hinreichender Aufklärung (Art. 5 und 6 GUMG); das Ergebnis teilt eine Ärztin, ein Arzt oder eine beauftragte Fachperson mit (Art. 26 Abs. 1). Veranlasst eine Apotheke, teilt die Apothekerin oder der Apotheker das Ergebnis selbst mit – nur, was dem Zweck der Untersuchung entspricht (Art. 7 Abs. 4 GUMV).

Was die Schweiz anders macht als Deutschland, Österreich und die EU

Drei Länder auf einen Blick

FrageDeutschlandÖsterreichSchweiz
Einordnungdiagnostische genetische Untersuchung (§ 3 Nr. 7 Buchst. c GenDG)laut Gentechnikbuch keine prädiktive Analyse nach § 65 Abs. 1 Z 3 und 4 GTGmedizinischer Bereich (Art. 19 GUMG)
Wer veranlasstnur Ärztinnen und Ärzte (§ 7 Abs. 1)keine fachärztliche Veranlassung vorgeschrieben (§ 68 gilt für Typ 3 und 4)Ärzte, Apotheker, Zahnärzte und Chiropraktoren unter Bedingungen (Art. 5–8 GUMV)
Vor der Analyseärztliche Aufklärung, schriftliche Einwilligung (§§ 8, 9)§ 69 gilt für Typ 2 bis 4, nicht für reine PharmakogenetikAufklärung, freie und ausdrückliche Zustimmung (Art. 5, 6 GUMG)
Rolle der ApothekeZusammenarbeit mit der verantwortlichen Ärztin oder dem ArztGTG verlangt für reine Pharmakogenetik keine ärztliche Veranlassung; Medikation bleibt ärztlich (ÄrzteG)darf veranlassen; Rücksprache bei verschreibungspflichtigen Arzneimitteln (Art. 7 GUMV)

Und die EU? Der Test selbst ist ein Medizinprodukt

In der EU ist ein Test, den der Hersteller dafür bestimmt, Informationen über die voraussichtliche Wirkung einer Behandlung oder die Reaktionen darauf zu liefern oder therapeutische Maßnahmen festzulegen, ein In-vitro-Diagnostikum nach der Verordnung (EU) 2017/746 (Art. 2 Nr. 2 Buchst. e und f). Wird ein Gentest in der Gesundheitsversorgung zur Verbesserung der Behandlung eingesetzt, sorgen die Mitgliedstaaten dafür, dass die getestete Person Informationen über Wesen, Bedeutung und Folgen des Tests erhält (Art. 4 Abs. 1). Strengere nationale Regeln wie das GenDG bleiben möglich (Art. 4 Abs. 4).

Eine Regel gilt überall: Die Medikation bleibt in ärztlicher Hand

Drei Länder, drei Wege – aber am Ende steht dieselbe Person. Ein pharmakogenetisches Ergebnis kann eine Therapieentscheidung unterstützen. Die Entscheidung selbst – absetzen, wechseln, anders dosieren – trifft die behandelnde Ärztin oder der behandelnde Arzt. Die Schweiz schreibt das sogar in die Verordnung: Untersucht eine Apotheke die Wirkung eines verschreibungspflichtigen Arzneimittels, das eine Fachperson verschrieben hat, konsultiert sie diese vorher (Art. 7 Abs. 2 GUMV). Wie du Ergebnisse verständlich erklärst, zeigt Befunde verstehen und kommunizieren.

Checkliste: Bevor du Pharmakogenetik anbietest

Häufige Fragen

Darf eine Apotheke in Deutschland einen Pharmakogenetik-Test anbieten?
Nicht in eigener Verantwortung. Pharmakogenetik ist nach § 3 Nr. 7 Buchst. c GenDG eine diagnostische genetische Untersuchung, und die dürfen nur Ärztinnen und Ärzte vornehmen (§ 7 Abs. 1). Die verantwortliche ärztliche Person klärt auf, holt die schriftliche Einwilligung ein und erhält das Ergebnis vom Labor (§§ 8, 9 und 11 Abs. 2). Eine Apotheke kann mit ihr zusammenarbeiten, etwa im Medikationsgespräch.
Braucht eine rein pharmakogenetische Analyse in Österreich eine ärztliche Zuweisung?
Das Gentechnikgesetz verlangt die Veranlassung durch eine Fachärztin oder einen Facharzt nur für Analysen des Typs 3 und 4 (§ 68 Abs. 1 GTG), die fachärztliche Aufklärung mit schriftlicher Bestätigung nur für Typ 2 bis 4 (§ 69). Laut Gentechnikbuch (5. Kapitel) sind pharmakogenetische Untersuchungen keine prädiktiven Analysen nach § 65 Abs. 1 Z 3 und 4 – außer ein Merkmal sagt zugleich etwas über die Veranlagung für eine künftige Erbkrankheit aus. Über die Medikation entscheidet trotzdem immer die behandelnde Ärztin oder der behandelnde Arzt.
Dürfen Apothekerinnen und Apotheker in der Schweiz Pharmakogenetik veranlassen?
Ja, wenn sie zur Berufsausübung in eigener fachlicher Verantwortung befugt sind und die Bedingungen von Art. 5 Abs. 2 GUMV erfüllt sind (Art. 7 GUMV). Geht es um ein verschreibungspflichtiges Arzneimittel, das eine Fachperson verschrieben hat, konsultieren sie diese vorher. Aufklärung und Ergebnismitteilung finden in einem abgetrennten Beratungsbereich statt, und mitgeteilt werden nur Ergebnisse, die dem Zweck der Untersuchung entsprechen.
Ist ein pharmakogenetischer Test ein Medizinprodukt?
In der EU ja, wenn der Hersteller ihn dafür bestimmt, Informationen über die voraussichtliche Wirkung einer Behandlung oder die Reaktionen darauf zu liefern oder therapeutische Maßnahmen festzulegen. Dann ist er ein In-vitro-Diagnostikum nach Art. 2 Nr. 2 der Verordnung (EU) 2017/746. Frag dein Labor, wie es seine Tests einordnet.
Darf ich in der Schweiz öffentlich für Pharmakogenetik werben?
Publikumswerbung für genetische Untersuchungen im medizinischen Bereich ist verboten (Art. 14 Abs. 1 GUMG). Das Verbot gilt nicht für Personen, die nach Art. 20 GUMG zur Veranlassung befugt sind (Art. 14 Abs. 2). Ihre Werbung muss objektiv sein, dem öffentlichen Bedürfnis entsprechen und darf weder irreführend noch aufdringlich sein (Art. 4 Abs. 1 GUMV). Informationen nur für veranlassungsberechtigte Fachpersonen gelten nicht als Publikumswerbung (Art. 4 Abs. 4 GUMV).

Passend dazu: Datenschutz und Einwilligung · Pharmakogenetik in der Apotheke · Wer darf Gentests anbieten?

Pharmakogenetik in deiner Praxis oder Apotheke?

Erzähl uns von deinem Setting – wir zeigen dir, wie das Angebot bei dir funktionieren kann.

Projekt anfragen →Angebot für Ärzte