💊 Ratgeber Pharmakogenetik — Praxiswissen für Ärztinnen, Ärzte und Apotheken aus dem Genlabor von Novogenia.

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Ratgeber Pharmakogenetik

Pharmakogenetik in der Praxis: der Ratgeber für Ärztinnen, Ärzte und Apotheken

Fachlich geprüft von Dr. Daniel Wallerstorfer, Molekularbiologe und Gründer von Novogenia · Stand: 13. Oktober 2026 · Lesezeit: 6 Min.

Kurz gesagt

Pharmakogenetik untersucht, wie Gene die Wirkung von Arzneimitteln beeinflussen: Bei manchen Menschen wirkt die Standarddosis zu stark, bei anderen zu schwach. Eine Handvoll gut erforschter Gene – etwa CYP2D6, CYP2C19, CYP2C9, VKORC1, SLCO1B1, DPYD und TPMT – betrifft Schmerzmittel, Antidepressiva, Gerinnungs- und Plättchenhemmer, Statine, Säureblocker und Krebsmedikamente. Internationale Leitlinien wie CPIC und DPWG übersetzen einen Genotyp in konkrete Empfehlungen. Wer Pharmakogenetik veranlassen darf, regeln Deutschland, Österreich und die Schweiz unterschiedlich. Eines gilt überall: Über Medikamente entscheidet die behandelnde Ärztin oder der behandelnde Arzt.

Dieselbe Tablette, verschiedene Menschen

Zwischen 2017 und 2020 geschah etwas, das es in dieser Größe vorher nicht gab: 18 Krankenhäuser, neun Gesundheitszentren und 28 öffentliche Apotheken in sieben europäischen Ländern – darunter Österreich – testeten Patientinnen und Patienten vor einer neuen Verordnung auf 50 Genvarianten in 12 Genen. 6.944 Menschen nahmen teil. Wer ein relevantes Ergebnis für sein Medikament hatte, wurde nach den Empfehlungen der niederländischen Leitliniengruppe DPWG behandelt. In dieser Gruppe traten in den ersten zwölf Wochen bei 21,0 % klinisch relevante Nebenwirkungen auf, in der Vergleichsgruppe mit Standardbehandlung bei 27,7 % (Swen et al., Lancet, 2023).

Das ist Pharmakogenetik im Alltag. Gene bestimmen mit, wie der Körper ein Medikament aufnimmt, umbaut und ausscheidet – und damit, ob die Standarddosis bei einem Menschen zu stark, genau richtig oder zu schwach wirkt. Für die Praxis heißt das: Wer die Gene kennt, hat einen Baustein mehr, um Wirkstoff und Dosis gezielt zu wählen. Die Entscheidung trifft dabei immer die behandelnde Ärztin oder der behandelnde Arzt.

Ich bin Molekularbiologe und habe Novogenia gegründet. In unserem Genlabor in Eugendorf bei Salzburg haben wir bisher mehr als 30 Millionen Analysen durchgeführt. Mit diesem Ratgeber möchte ich dir zeigen, wie Pharmakogenetik funktioniert, welche Leitlinien den Weg weisen und wie du sie in Arztpraxis, Apotheke oder Klinik nutzt – mit dem rechtlichen Rahmen in Deutschland, Österreich und der Schweiz.

Grundlagen: Gene, Enzyme, Leitlinien

Viele Wirkstoffe werden in der Leber von Enzymen abgebaut – manche werden dort überhaupt erst aktiviert. Die Bauanleitung für diese Enzyme liefern Gene, und von ihnen gibt es Varianten, die schneller, langsamer oder gar nicht arbeiten. Daraus ergeben sich die Metabolisierertypen, von langsam bis ultraschnell. Wie das funktioniert und warum sich die Logik bei Prodrugs wie Codein umdreht, erklärt Was ist Pharmakogenetik?.

Eine Handvoll Gene trägt den Großteil der Praxis: CYP2D6, CYP2C19, CYP2C9, VKORC1, SLCO1B1, DPYD, TPMT und NUDT15, dazu HLA-B als Sonderfall des Immunsystems. Sie betreffen Schmerzmittel, Antidepressiva, Gerinnungs- und Plättchenhemmer, Statine, Säureblocker und Krebsmedikamente (Die wichtigsten Gene).

Damit aus einem Genotyp eine Empfehlung wird, gibt es Leitlinien: vom internationalen Konsortium CPIC, von der niederländischen DPWG und in den Fachinformationen der Arzneimittel selbst. Wie sie aufgebaut sind und wie du sie liest, zeigt Leitlinien: CPIC, DPWG und Fachinformationen.

In der Praxis: Arztpraxis, Apotheke, Klinik

Pharmakogenetik entfaltet ihren Wert dort, wo Medikamente verordnet, abgegeben und überprüft werden. Kapitel 2 zeigt die Wege dorthin:

Eine Regel zieht sich durch alle Kapitel: Ein pharmakogenetischer Befund ist eine Entscheidungshilfe. Über Medikamente – absetzen, wechseln, anders dosieren – entscheidet die behandelnde Ärztin oder der behandelnde Arzt.

Recht: drei Länder, drei Lösungen

Wer pharmakogenetische Analysen anbieten oder veranlassen darf, regelt jedes Land anders. Die Schweiz geht dabei einen eigenen Weg und öffnet die Pharmakogenetik ausdrücklich für weitere Gesundheitsberufe:

LandEinordnungWer veranlasst
DeutschlandDiagnostische genetische Untersuchung: Das Gendiagnostikgesetz nennt ausdrücklich die Abklärung, ob genetische Eigenschaften die Wirkung eines Arzneimittels beeinflussen können (§ 3 Nr. 7 Buchst. c GenDG).Nur Ärztinnen und Ärzte (§ 7 Abs. 1 GenDG); dazu schriftliche Einwilligung (§ 8), ärztliche Aufklärung (§ 9) und das Angebot einer genetischen Beratung nach dem Ergebnis (§ 10).
ÖsterreichDas Gentechnikgesetz unterscheidet vier Typen medizinischer Analysen, die sich auf Erkrankungen und Krankheitsveranlagungen beziehen (§ 65 GTG); Pharmakogenetik nennt es nicht ausdrücklich.Fachärztliche Veranlassung verlangt § 68 GTG nur für Typ 3 und 4, fachärztliche Aufklärung § 69 GTG für Typ 2 bis 4. Rein pharmakogenetische Analysen können daher auch Partner anbieten.
SchweizGenetische Untersuchung im medizinischen Bereich nach dem GUMG.Grundsätzlich Ärztinnen und Ärzte (Art. 20 GUMG). Pharmakogenetische Untersuchungen dürfen unter Voraussetzungen auch Zahnärzte, Apothekerinnen und Apotheker sowie Chiropraktoren veranlassen (Art. 5–8 GUMV).

Die Schweizer Voraussetzungen sind konkret: Untersucht wird eine bestimmte Auswahl an Varianten, die Ergebnisse haben eine bekannte klinische Bedeutung, und es stehen therapeutische oder präventive Maßnahmen zur Verfügung (Art. 5 Abs. 2 GUMV). Geht es um ein verschreibungspflichtiges Arzneimittel, das eine andere Fachperson verschrieben hat, konsultiert die Apotheke diese vorher (Art. 7 Abs. 2 GUMV). Die Einzelheiten erklären Recht: Wer darf Pharmakogenetik anbieten? und Datenschutz und Einwilligung.

Für wen dieser Ratgeber geschrieben ist

Wer neben der Pharmakogenetik auch Analysen zu Ernährung und Stoffwechsel anbieten möchte, findet die Grundlagen im Ratgeber Nutrigenetik.

Alle Kapitel auf einen Blick

Kapitel 1 · Grundlagen

Was ist Pharmakogenetik?Gleiche Dosis, andere Wirkung: Metabolisierertypen einfach erklärt. Die wichtigsten Gene: CYP2D6, CYP2C19 und Co.Welche Gene welche Arzneimittelgruppen betreffen. Leitlinien: CPIC, DPWG und FachinformationenWie aus einem Genotyp eine Empfehlung wird.

Kapitel 2 · In der Praxis

Pharmakogenetik in der ArztpraxisVon der Indikation bis zur Therapieentscheidung. Pharmakogenetik in der ApothekeMedikationsanalyse, Beratung und die Rolle der Apotheke. Befunde verstehen und kommunizierenVom Genotyp zum Phänotyp – verständlich erklärt. Präventiv oder anlassbezogen testen?Panel auf Vorrat oder Test vor dem Medikament.

Kapitel 3 · Recht & Angebot

Recht: Wer darf Pharmakogenetik anbieten?Deutschland, Österreich und die Schweiz im Vergleich. Datenschutz und EinwilligungGenetische Daten sicher verarbeiten und aufbewahren. Pharmakogenetik anbieten: der AblaufVom Probenset bis zum Befund mit Novogenia.

Alle 10 Artikel findest du nach Kapiteln geordnet auch am Ende dieser Seite.

Häufige Fragen

Was ist Pharmakogenetik?
Pharmakogenetik untersucht, wie erbliche Genvarianten die Wirkung und Verträglichkeit von Arzneimitteln beeinflussen. Meist geht es um Enzyme, die Wirkstoffe abbauen oder aktivieren, um Transporter und um Zielstrukturen eines Medikaments. Das Ergebnis hilft, Wirkstoff und Dosis gezielter zu wählen; die Entscheidung trifft die behandelnde Ärztin oder der behandelnde Arzt.
Welche Gene sind in der Praxis am wichtigsten?
Für viele häufig verordnete Wirkstoffe sind CYP2D6, CYP2C19, CYP2C9, VKORC1, SLCO1B1, DPYD, TPMT und NUDT15 relevant, dazu HLA-B als Gen des Immunsystems. Für alle diese Gene gibt es Leitlinien des internationalen Konsortiums CPIC.
Wer darf einen pharmakogenetischen Test veranlassen?
Das hängt vom Land ab. In Deutschland gilt der Arztvorbehalt des Gendiagnostikgesetzes. In der Schweiz veranlassen grundsätzlich Ärztinnen und Ärzte; Apothekerinnen und Apotheker, Zahnärzte und Chiropraktoren dürfen pharmakogenetische Untersuchungen unter Voraussetzungen ebenfalls veranlassen. In Österreich schreibt das Gentechnikgesetz die fachärztliche Veranlassung nur für bestimmte Analysetypen zu Erkrankungen und Krankheitsveranlagungen vor; Pharmakogenetik nennt es dabei nicht ausdrücklich.
Ersetzt ein pharmakogenetischer Befund die ärztliche Entscheidung?
Nein. Der Befund ist eine Entscheidungshilfe neben Alter, Nieren- und Leberfunktion, Begleitmedikation und dem klinischen Bild. Ob ein Medikament abgesetzt, gewechselt oder anders dosiert wird, entscheidet ausschließlich die behandelnde Ärztin oder der behandelnde Arzt.
Welche Leitlinien gibt es für Pharmakogenetik?
Die bekanntesten sind die Leitlinien des Clinical Pharmacogenetics Implementation Consortium (CPIC) und der Dutch Pharmacogenetics Working Group (DPWG). Dazu kommen die Fachinformationen der Arzneimittel, die Wissensdatenbank PharmGKB sowie Leitlinien aus Kanada und Frankreich. Ihre Empfehlungen stimmen in den meisten Fällen überein.

Passend dazu: Das Analysespektrum von Novogenia · Angebot für Kliniken · Wer darf Gentests anbieten?

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